„Der erste Arbeitstag“
(Ausschnitt)

„Und das ist unsere Leckereien-Ecke“, verkündete Steve mit grossen Augen,
wobei er beim ‚L’ die Zunge seltsam nach aussen rollte.
Lisa erinnerte diese eigenartige Aussprachemimik an Britney Spears, wie sie in
ihrem Durchbruchserfolg ‚One More Time’ das Wort ‚Loneliness’ mit lasziv
rollender Zunge gesungen hatte – als ob sie damit sagen wollte: ‚Hey Junge, ich
bin zwar die Vorzeigeunschuld in Person, aber dennoch eine ausserordentliche
Zungenakrobatin.’
Lisa schmunzelte. Ihrer Gedanken wegen. Und Steves Aussprache des Wortes
‚Leckereien’ wegen. Vermutlich war es sogar seine Absicht gewesen. Schliesslich
war er mit seinen dreiundzwanzig Jahren schon beinahe ein alter Hase hier – und
zudem war er der Erste der seine fachlichen Kompetenzen der neuen, jungen
Arbeitskollegin vermitteln durfte. Also war er quasi der Pionier auf dem Feld,
der mit einem in Erinnerung bleibenden Erstauftritt womöglich den Samen für
eine befruchtende Zusammenarbeit legen konnte. Lisa schaute Steve stirnrunzelnd
an und kam zum Schluss: Nein, soweit dachte Steve gar nicht. Steve war
womöglich einfach bloss Steve.
„Du fragst Dich vielleicht, warum wir dies die ‚Leckereien-Ecke’ nennen“, fuhr
Steve fort und entblösste beim ‚L’ erneut die Unterseite seiner Zunge. Lasziv.
Lecker. Loneliness.
Lisa konnte sich nur mühsam ein neuerliches Schmunzeln verkneifen. Nein,
eigentlich war es für sie offensichtlich, woher diese Bezeichnung kam. Denn
schliesslich lagen in den untersten beiden Regalen Packungen mit Keksen und
abgepacktem Gebäck. Darüber waren nebst Schokolade- und Getreideriegeln die
Schokoladentafeln zu finden. Und ganz zuoberst waren unzählige Gummitierherden
aller Rassen zusammengepfercht, um den Marshmellows und den Lutschbonbons gute
Nachbarn zu sein.
Steve schenkte dem versteckten Grinsen seiner neuen Arbeitskollegin keine
Beachtung und trat einen Schritt zur Seite. Neben den zuckerreichen
Versuchungen lagen die fleischlichen, abgedruckt auf Hochglanzpapier. Direkt
neben den Marshmellows offenbarte eine neckisch dreinschauende Schwarzhaarige
ihre fein säuberlich rasierte Intimstzone, während sie ihre beiden übervollen
Brüste mit festem Griff zusammen presste, als ob sie damit Walnüsse knacken
wollte. Auf anderen Magazinen stellten sich ähnlich anmutende Damen in
vergleichbaren Posen zur Schau – manchmal auch zu zweit oder zu dritt.
Steve fuhr fort: „Denn egal, wer was wie naschen will, hier wird er fündig.“ Er
fuhr mit dem Zeigefinger über die Gummibären, die Marshmellows, glitt weiter
über den strammen Busen der Schwarzhaarigen und schien einen Moment auf ihrer
linken Brustwarze zu verweilen, bevor die Hand wieder herunter nahm und sich
Lisa zuwendete. „Verstehst Du die Verbindung?“ fragte Steve ganz stolz. „Alle
Süssigkeiten auf einen Griff, an einem Ort. Das war meine Idee, dies so
zusammen zu platzieren.“ Das Wort ‚meine’ zog er ungewöhnlich in die Länge –
und würde ein ‚L’ darin vorkommen, so hätte seine Britney Spears-Imitation hier
ihren Höhepunkt gefunden. „Ich nenne das Verkaufsförderung.“ Das letzte Wort
sprach er so langsam aus, dass er es in der gleichen Zeit hätte buchstabieren
können. Dann blickte er an die Decke und schien in einem für Lisa nicht
sichtbaren Scheinwerferlicht zu stehen.
Lisa biss sich für einen Moment auf die Lippen, um nicht laut herauszulachen. Dann
runzelte sie die Stirn und fragte sich, ob Steve das alles wirklich ernst
meinte.
Steve wandte sich ihr wieder zu, blickte auf sie hinab, legte ihr seine rechte
Hand auf die Schulter und beantwortete ihre ungestellte Frage: „Ach Quatsch…
ich dachte bloss, vielleicht bin ich nicht der einzige, der gerne Gummizeugs
futtert, während er sich Sexhefte reinzieht.“ Dabei entblösste er mit einem
breiten Grinsen seine nicht wirklich makellosen Zähne.

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„Der stumme Engel“ (Ausschnitt)

Als Sophie wieder zum Trost spendenden Mond hochsah, entdeckte sie die halb
abgebrannten Kerzen, die da auf dem Fenstersims hoch über der Badewanne
standen. Es schien schon etliche Leben her zu sein, seit Robert und sie hier
zum letzten Mal gemeinsam ein Bad genommen und sich dabei im Schein der
flackernden Kerzen gegenseitig eingeseift hatten. Viel zu lange.
Kraftlos aber dennoch mit einem Hauch Entschlossenheit schüttelte Sophie ihren
Kopf, wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen und schob ihren
Rücken langsam mit der Kraft in ihren Beinen nach oben. Die regelmässigen
Workouts im Fitness-Studio schienen sich bezahlt zu machen – auch wenn es nur darum
ging, vom Fussboden ihres Badezimmers aufzustehen.
Nein, es war mehr als ein blosses Aufstehen – es war der Aufstand gegen die
Unterdrückung. Der Schritt in ein neues Leben. Es war Entschlossenheit, die sie
in ihren Beinen spürte. Und sie nickte dabei, worauf gleich eine weitere Träne
aus ihrem linken Auge kullerte.
Wieder auf den Füssen riskierte sie einen kurzen Blick in den Spiegel. Nun ja,
Entschlossenheit hatte eigentlich ein anderes Gesicht. Sie putzte sich die Nase
mit einem Kleenex – dieselben Kleenex, die in ihrer Praxis auf dem Glastisch
zwischen den drei Sesseln standen – und atmete tief durch.
Sie schenkte dem Mond einen letzten Blick, bevor sie den Schlüssel drehte, um
die Badezimmertür zu öffnen. Langsam ging sie durch den Flur ins Wohnzimmer.
Robert sass da. Ein Häufchen Elend. Nun sah sie, was er an die Wand geschmissen
hatte. Ein Engel. Ihr Engel. Robert hatte ihn nicht ihr nachgeworfen, sondern
einfach an die Wand im Flur geknallt. Aber egal, denn er hatte ihr zuvor ja
bereits körperlich Gewalt angetan, als er ihr mit der flachen Hand ins Gesicht
geschlagen hatte.
Sophie schaute auf die zerbrochenen Überreste des Engels aus Ton. Sie hatte ihn
vor Jahren von einer guten Freundin geschenkt bekommen, mit der Absicht, er
solle Sophie und ihr Zuhause beschützen. Na ja, scheint nicht ganz geklappt zu
haben. Zumindest nicht bis in alle Ewigkeit. Sie erkannte die Symbolik darin,
dass er etwas von ihr kaputt gemacht hatte. Etwas, das ihr viel bedeutet hatte.
Zu ihrem Schmerz gesellte sich Wut.
Sophie drehte sich wieder zu ihrem Mann um, der erschöpft auf dem Sofa kauerte
und lautlos zu wimmern schien. Und die Wut verflog. Sie sah den Mann, den sie
aus Liebe geheiratet hatte. Wie ein Dolch bohrte sich der Schmerz mitten durch
ihre Brust. Kein Groll, kein Hass. Sie fühlte Mitleid für den Mann.
Sophie erkannte bei ihm eine andere Erschöpftheit, als wenn er in
Kaninchenmanier seinen Mann gestanden zu haben glaubte. Sie sah Verzweiflung,
Kraftlosigkeit und Unsicherheit.
Sie musste stark sein. Sophie dachte für einen kurzen Moment an das
Spiegelbild, das sie soeben im Badezimmer gesehen hatte und die
Entschlossenheit, die darin gefehlt hatte. Diese hatte bereits vor drei Monaten
gefehlt, als seine Hand zum ersten Mal ‚ausgerutscht’ war. Aber nun war genug.
Endgültig.
„Robert“, begann Sophie mit zittriger Stimme.
Er blickte sogleich auf. Offenbar hatte er sie nicht kommen gehört.
Nun ja, er würde sie wohl nie kommen hören, dachte Sophie – aber ohne
ironisches Schmunzeln, sondern nüchtern, ernüchtert.
„Wir müssen…“, fuhr sie fort.
Er fiel ihr jedoch sogleich ins Wort: „Es tut mir leid, mein Schatz!“ Seine
Augen waren wässrig und blutunterlaufen. „Ich wollte nicht…“ Er schluckte den
Rest des Satzes herunter, damit das eben Geschehene nicht mehr Wirklichkeit
war.
Sophie stand bloss da und starrte ihn an. Ihre Augen waren trocken. Das Herz
pochte ruhig und dumpf in ihrer Brust. Nun spürte sie, wie das Blut in ihrer
linken Wange pochte. Der Schlag hatte weh getan – aber mehr in ihrem Herzen als
in ihrem Gesicht.
Sie rieb sich mit der linken Hand über die pulsierende Wange, schniefte und
setzte sich neben ihren Mann aufs Sofa.
Robert blickte sie mit grossen, unschuldigen Augen an. Sophie sah Hilflosigkeit
in seinem Gesichtsausdruck. Sie spürte, wie sich ein Riegel über ihr Herz
schob. Alles schien auf einmal unwirklich und fremd. Sie legte ihren Arm um
Roberts Schultern und zog ihn zu sich heran.
Während Robert sich an ihr festklammerte, hielt Sophie ihn in ihren schweren
Armen und schaute mit leerem Blick auf den zerbrochenen Engel und die Stelle an
der Wand, wo dieser sein Leid erfahren und sein irdisches Dasein in Form einer
Tonfigur beendet hatte.
Der Engel hatte sich stets die Hände vor den Mund gehalten. Eigentlich wollte
er damit auf die Unabdingbarkeit von Ruhe hinweisen und ein Stück davon
vermitteln. Aber vielleicht war sein Zerbersten ein Zeichen dafür, dass das
Schweigen ein Ende haben sollte. Sophie wollte nicht länger schweigen – auch
wenn sie in diesem Moment, in dem das hilflose Kaninchen kraftlos in ihren
Armen lag, keine Entschlossenheit zum Ausdruck bringen und ein Machtwort
sprechen konnte.

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„Ein Gemälde der Sinne“
(Ausschnitt)

Lisa bewegte sich nicht. Ihr Körper lag regungslos da. Ihr Blick ruhte in
Pauls Augen – auch wenn er einen Schritt zur Seite machte. Alleine dieser
andauernde Blickkontakt war bereits äusserst intim. Doch so konnte er damit
beginnen, sie in ihrer Ganzheit zu verstehen.
Mehr als zwischendurch ein nachdenkliches ‚hm’ von Paul war nicht zu hören. Auf
Musik hatte Paul bewusst verzichtet, da diese den Moment mindestens unbewusst
mit einer vielleicht unpassenden oder unbeabsichtigten Stimmung schwängern
würde. Da war nur Lisa. Und es schien ihr überhaupt nichts auszumachen, dass
sie nackt, mit einem Laken bedeckt, da lag und er sie einfach ansah – nicht nur
ihren Gesichtsausdruck und das Spiel ihrer Augen, er musterte sie von Kopf bis
Fuss.
Er machte einen Schritt auf sie zu. „Darf ich?“ Seine Hand berührte das Laken
in der Gegend ihrer Fussgelenke.
Sie zwinkerte einmal und nickte beinahe unmerklich, da sie sich nicht bewegen
wollte. Sie wusste nicht weshalb, aber sie vertraute Paul. Sonst hätte sie
keinesfalls nackt und wie ein schutzloses Beutetier vor ihm, in seinen vier
Wänden, auf seinem Sofa gelegen.
Paul packte sanft das Laken an der Stelle bei ihren Füssen und zog es hoch.
Ihre Beine wurden entblösst. Zwei makellose Knie kamen zum Vorschein –
feingliedrige Gelenke, eingepasst in ebenbürtige Unter- und Oberschenkel. Er
platzierte das Leintuch so, dass die Rundungen von ihrem Gesäss und ihrer Hüfte
nach wie vor verdeckt blieben. Dann machte er wieder ein paar Schritte von Lisa
weg und stellte sich neben die Staffelei.
Ein weiteres ‚hm’ war die Folge – und ein zufriedenes Nicken.
Er versuchte, sich das Bild auf der Leinwand vorzustellen. Welcher umliegende
Ausschnitt einen Einfluss auf die Stimmung des Bildes haben würde. Wo die
kniffligsten Stellen sein würden. Und ganz grob, mit welchen Farben er zu
arbeiten hätte. Manchmal konnten Farben auf unterschiedliche Weise, mit
unterschiedlichen Primärfarben angemischt werden – zwar für das Auge mit dem
mehr oder weniger selben Ergebnis, aber die Gesamtstimmung eines Bildes war
eine andere, je nachdem ob eine Grundfarbe enthalten war oder nicht; auch wenn
sie als solche nicht wieder zu erkennen war.
Paul zögerte. Er war noch kilometerweit vom ersten Pinselstrich entfernt. Aber
er hatte begonnen, das Bild in seinem Kopf zu erschaffen. Und sehr schnell
hatte er angefangen, die Komplexität und die riesige Herausforderung zu
erkennen. Ob das nicht doch eine Nummer zu gross für ihn war?
Er erinnerte sich an einen Spielfilm über fernöstliche Kampfkunst und deren
Philosophie. Darin hatten sich zwei Krieger zuerst stundenlang in der
Meditation auf einer höheren Ebene bekämpft, um heraus zu finden, wer den
eigentlichen Kampf gewinnen werden würde oder ob sie gleich stark waren. Und
genau so fühlte er sich jetzt – wie bei einem Kräftemessen zwischen dem
Anspruch, den er an dieses Bild stellte und seinen eigenen, bescheidenen
Fähigkeiten.
„Ich kann das nicht“, unterbrach er die Stille.
Lisas Augenbrauen bewegten sich fragend, nicht verstehend.
„Tut mir leid, aber ich glaube, ich kann das nicht“, beantwortete er die
unausgesprochene Frage. „Es ist etwas ganz anderes, Farben und Formen auf eine
Leinwand zu pinseln und sich darin verschiedene Ebenen und Dimensionen
vorzustellen. Aber das hier… Ich möchte Deine Haut fühlbar malen, Deinen Duft riechbar,
Dein Wesen verständlich. Und dazu fehlen mir nicht nur die handwerklichen
Fertigkeiten des Malens… sondern wohl auch die geistigen Fähigkeiten des
Erfassens.“
Ihre Augenbrauen verrenkten sich noch fragender.
Paul versuchte es mit einfacheren Worten: „Du bist wunderschön, Lisa. Ich
könnte zwar versuchen, Dich zu malen – aber das Bild würde Dir nicht gerecht
werden.“
Lisas Augenbrauen entspannten sich wieder und sie schenkte ihm ein dankendes,
etwas verlegenes Lächeln. Aber sie wollte noch nicht aufgeben. Sie spürte, dass
er sie sah. Ihr Wesen. Und sie wollte, dass er sie auch fühlte. Denn sie
glaubte, begriffen zu haben, dass so ein Bild mit dem Herzen gemalt werden
musste. An seinen handwerklichen Fähigkeiten zweifelte sie nicht – schliesslich
hatte sie viele seiner Bilder bereits gesehen.
„Tut mir wirklich leid“, wiederholte er und presste resignierend die Lippen
zusammen.
Lisa griff nach dem Teil des Lakens, der über das Ende der Sitzfläche des Sofas
hing und hob es hoch. Sie legte zwei wunderschöne Brüste frei. Sanft, weich,
natürlich.
Paul fiel sogleich das Piercing in der linken Brustwarze auf. Ein
Metallstäbchen, das quer durch gebohrt war. Nicht ganz waagrecht, sondern eher
auf einer Zehn-nach-Acht-Stellung.
Lisa zog das Laken ganz weg und schob es in den Spalt zwischen sich und der
Rückenlehne des Sofas.

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Kapitelübersicht

Prolog
Am Ende der Reise beginnt die Reise

Teil I:  Wie alles begann
Das Erstgespräch
Eine neue Chance
Das Kleinstadtmädchen
Der erste Arbeitstag
Nacht der lebenden Toten
Der stumme Engel
Von Agenten, Riesen und der Malerei
‚All in’ mit ungewisser Hand
Sophie auf dem Sofa
Der Sturz in die Fluten
Drei lange Tage
Steves Welt
Die Muse der Nacht
Begegnung im Spiegel
Der mit Adrenalin vollgepumpte Stier

Teil II:  Reisevorbereitungen
Allein auf der Strasse
Der blutige Ring
Die Herberge des Racheengels
Ein Kuss beginnt mit einem Blick
Rückkehr in die Burg der Schatten
Wahre Worte
Rollende Schicksale
Ein Gemälde der Sinne
Gleiche Augenhöhe
Der geschändete Drache
Das Vorspiel

Teil III:  Die Reise
Das Fenster zur Seele
Sophie und Paul
Die Entsorgung
Zusammen Zähneputzen
Nur Lisa
Zwischen Zoll und Transfer
Blicke in den Spiegel
Klingeln in der Kiste
Der zerbrochene Spiegel

Teil IV:  Neue Ufer
Alles endet in einer Bar / Teil 1: Engel in der Wüste
Alles endet in einer Bar / Teil 2: Das Erbe anderer
Alles endet in einer Bar / Teil 3: Ein Stück Heimat

Epilog
Der Abgrund und die Liebe

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