„Salzige Brandung“ (Ausschnitt)

Es war kurz vor elf Uhr abends. Der Wüstenwind war noch immer warm. Sanft
strich er durch Eduardos Schnurrbart. Er blieb einen Moment stehen, nachdem er
seine Tochter im Bungalow zurück gelassen und die Tür hinter sich geschlossen
hatte und blickte zum Sternenhimmel hoch. Die künstlerisch angelegten Lampen
entlang des Weges spendeten jedoch zuviel Licht, als dass Eduardo in die
Unendlichkeit des Sternenhimmels hätte eintauchen können – seine Körpergrösse
von knapp einsachtzig reichte da bei weitem nicht aus, um die Lichter unter
sich im Schatten verschwinden zu lassen. Er überlegte, wie der Himmel wohl von
der Wüste aus aussehen mochte, wo kein künstliches Licht die Nacht schwängern
und somit die Sicht auf die unendlichen Weiten trüben konnte. Er stellte sich
den Anblick berauschend, entführend und gleichzeitig befreiend vor.
Bis zur Hotelbar waren es lediglich etwas mehr als hundert Meter. Zwischen
weiteren Bungalows hindurch und entlang des Hauptgebäudes mit etlichen weiteren
Zimmern schlenderte er gemütlich auf einen Drink zu, der ihn die Stille hier
noch besser geniessen lassen würde. Weit weg von zuhause. Ihn plagte ein
ähnlicher Gedanke wie seine Tochter: Wo war ihr Zuhause denn überhaupt?
Gerne würde er seiner Isabella ein stetes Zuhause schenken. Ein Ort, wo sie
beide sich dauerhaft einnisten konnten. Wo seine Tochter Freundschaften
aufbauen konnte, die nicht unter der Zurückhaltung einer möglichen Befristung
gepflegt und vertieft werden konnten. Doch leider standen die Sterne hierfür
ungünstig. Sterne, die ihr Licht bereits vor langer Zeit losgeschickt hatten,
inzwischen vielleicht gar nicht mehr existierten, aber noch immer die Gegenwart
erhellten und so die Vergangenheit nicht verblassen liessen.
Wie schon tausende Male zuvor fragte sich Eduardo, ob die Vergangenheit ihn
überhaupt jemals würde ruhen lassen. Er erinnerte sich an einen Spruch, den er
einmal irgendwo aufgeschnappt hatte:

Gestern ist Geschichte.
Morgen ist ein Geheimnis.
Heute ist ein Geschenk.

Er hoffte, dass seine Tochter sich auf das Geschenk konzentrieren konnte.
Und er musste die Geschichte möglichst von ihnen beiden fern halten. Die
Geschichte, die sie beide hierher gebracht hatte. Somit blieb ihm keine Zeit,
sich über das ‚Geheimnis’ Gedanken zu machen oder sich darauf zu freuen. Das
einzige Geheimnis, das ihm das Leben mit Bestimmtheit offenbarte, war, für
welchen Drink er sich gleich entscheiden würde.
Und so entschied er sich für einen Gin Tonic, während er auf einem der aus
Stroh geflochtenen Stühle Platz nahm. Die Tischchen auf der Terrasse waren
bloss knapp zur Hälfte belegt. Dies konnte unmöglich an der Aussicht liegen,
denn diese war ‚paradiesisch’ und ‚atemberaubend’, wie sie Isabella am Abend
zuvor kommentiert hatte, als sie beide hier gesessen hatten, um nach dem
Abendessen noch etwas zu trinken. Seine kleine Bella hatte geistesabwesend mit
dem Trinkhalm die Eiswürfel in ihrer Cola umgerührt und dabei den Blick nicht
vom Meer abgewandt, das über die dezent beleuchteten Bungalows hinweg zu sehen
war. Für sie war das Heute wirklich immer wieder ein Geschenk. Eduardo war
glücklich, dass seine Tochter in der Lage war, die Momente mit all ihrer
Vielfalt und einmaligen Schönheit auszukosten.
Der Kellner stellte ein Glas mit einer gut gemeinten Menge Gin auf das
Tischchen und gesellte ein kleines Fläschchen mit Tonicwater hinzu.
Während Eduardo an seinem Drink nippte, versuchte er sich, wie seine Tochter
abends zuvor, vom Ausblick verzaubern zu lassen. Die anderen Gäste, die redend
und lachend die Terrasse besiedelten, blendete er vollständig aus seiner
Wahrnehmung aus. Für einen kurzen Moment glaubte er, die Brandung des Meeres zu
hören – was natürlich unmöglich war, da der Strand gut und gerne hundertfünfzig
Meter entfernt lag und das Rote Meer für seinen sanften bis kaum vorhandenen
Wellengang bekannt war. Zudem hatte er nirgends Felsen gesehen, die sich den
Wellen in den Weg stellten, um mit stetem Widerstand deren Ankunft ein
akustisches Ausmass zu verleihen. Aber was er sich mit Sicherheit nicht
einbildete, war der salzige Duft, den der warme Wind zu ihm hoch trug. Er
strich sich mit zwei Fingern durch den Schnurrbart, als ob er prüfen wollte,
dass sich nicht noch irgendwelche Speise- oder Salzreste – vom Abendessen oder
dem Schnorchelgang am Nachmittag – in den Haaren festklammerten. Doch da war
nichts. Lediglich das ‚Geschenk’ des Augenblicks, dass er das Meer riechen und
in seiner Vorstellung sogar hören konnte, wo ihm die Dunkelheit den Blick auf
den Horizont verwehrte, an dem das Meer den Nachthimmel küsste.
In der Ruhe verharrend und seinen Drink geniessend bemerkte Eduardo nicht, dass
er zum Zentrum des Interesses zweier Damen geworden war, die ein paar Tischchen
weiter Weisswein tranken. So wurde er aus seinem gedankenlosen Zustand
gerissen, als eine der beiden sich plötzlich zwischen ihn und den friedlich in
der Ferne schlummernden Ozean stellte.
„Verzeihung…“
Eduardo fühlte sich, als ob ihn soeben der Wecker auf dem Nachttischchen ins
Gesicht geschlagen hätte und ihm befahl, den Kopf vom lauschigen Kissen zu
erheben. Verwirrt blickte er über die Tischkante und liess seinen Blick langsam
hoch wandern, während die Frau zu ihm sprach.

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„Der Weltuntergang“ (Ausschnitt)

Der Motor und mit ihm das Knurren des Höllenhundes verstummte. Nun schnaubte
er lediglich noch durch seine grossen Nüstern. Die Scheinwerfer suchten sich
nach wie vor einen Weg durch die unerbittlich herabfallenden Wassermassen. Auf
der Frontscheibe kämpfte der einsame Wischer gegen den Regen an und schaufelte
diesen beiseite – eine Arbeit ohne Aussicht auf ein erfolgreiches Ende.
Langsam wurde die Tür auf der Fahrerseite aufgestossen. Ein eleganter
Lederschuh schwang aus dem Wageninneren und stellte sich auf den nassen
Asphalt. Sogleich gesellte sich ein zweiter dazu.
Der Mann setzte sich einen Strohhut auf, als er ganz aus dem Wagen ausgestiegen
war. Wohl eher für sonnige Tage gedacht, sollte ihm diese Kopfbedeckung ein
wenig Schutz vor der himmlischen Sintflut bringen. Er klappte den Kragen seiner
Lederjacke hoch, um zu vermeiden, dass das Wasser sein Hemd durchtränkte.
Im Schutz des weder zum Mercedes noch zur Lederjacke passenden Strohhutes
zündete er sich eine Zigarette an. Der Schein der aufflackernden
Feuerzeugflamme vermochte sein Gesicht nicht zu erhellen. Zu dunkel waren sein
Weg bis hierher, seine Absichten und sein ganzes Wesen.
Einer der unzähligen herunterfallenden Wassertropfen verursachte ein Zischen,
als er den glühenden Tabak an der Spitze der Zigarette streifte, während der
Mann genüsslich den Rauch ausstiess. Vorwurfsvoll schaute er gegen den Himmel,
worauf sein Gesicht sogleich einige Tropfen abbekam.
„Du versuchst doch nicht etwa, mein Feuer zu löschen?“ flüsterte er mit einem
verächtlichen Grinsen. Wäre in diesem Moment aus dem Auspuff des auf der
Strasse kauernden Höllenhundes mit dem Stern auf der Motorhaube eine Flamme
geschossen, wäre die Rollenverteilung klar gewesen. Der abgesandte der Hölle im
Zwiegespräch mit dem himmlischen Schleusenöffner, der versuchte, alles
wegzuspülen und damit die Sorgen und Ängste vergessen zu machen.
Der Mann trat an den Strassenrand heran, wo er weiter unten Ellies abgedrängten
Mazda vermutete. Zwischen den Bäumen und Sträuchern hindurch konnte er
tatsächlich in der Ferne den schwachen Schimmer eines Scheinwerfers erkennen,
der sich reglos an einem Baum festzuhalten schien.
Als er vor sich auf den Waldboden blickte, kamen ihm folgende Worte über die
Lippen: „So ein Mist.“ Vor sich sah er matschigen Untergrund, der zu ihm sagte:
‚Deine Schuhe werden heute ihren letzten Gang antreten.‘ Aber Job war Job. Und
schliesslich wollte er seinem Ruf gerecht werden, Aufträge stets gemäss Geheiss
auszuführen. Also setzte er einen Fuss in den Morast und suchte sich einen Weg
durch das Unterholz – worauf er sein Gesicht verächtlich verzog.

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„Der Auftrag“ (Ausschnitt)

Dicke Rauchschwaden hingen an der Decke, sodass das Licht der
Schreibtischlampe, das vom Lack der frisch poliert wirkenden Tischplatte
reflektiert wurde, nicht bis ganz nach oben durchdringen konnte. Wie die Nebel
von Avalon stellte sich der Dunst der abbrennenden Zigarre in den Weg:
geheimnisvoll, mystisch, undurchdringlich. Und irgendwie bedrohlich, wie er
über den Köpfen der beiden Personen im Raum schwebte.
„Hier ist der Auftrag“, sagte Jurij ruhig und schob einen Umschlag über den
Schreibtisch. Sein Brustkorb hob sich etwas, als er an der Zigarre paffte –
jedoch blieb dies für den Beobachtenden unbemerkt, da sein voluminöser Bauch
sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zog und jeglichem Heben und Senken des
Brustkorbes die Beachtung vorenthielt.
Die Frau mit den langen braunen Haaren lehnte sich nach vorne, um nach dem
Umschlag zu greifen. Dabei hob sich ihr Po von der gepolsterten Sitzfläche des
Stuhls, auf dem sie vor wenigen Augenblicken platzgenommen hatte. Doch sie
konnte das Kuvert nicht an sich nehmen, weil Jurij es mit seinen wurstigen
Fingern festhielt.
Er blickte sie ernst an. „Ich weiss nicht, ob Du wirklich verstehst.“ Sein
Blick drang in ihren Kopf ein – die grösstmögliche Aufmerksamkeit, die ein
Besucher in Jurijs Büro jemals bekommen konnte. „Das ist DER Auftrag.“ Er
sprach die Worte langsam aus und beobachtete dabei Anastasias Reaktion.
Diese zögerte und blickte Jurij leicht verstört an. „Ich weiss. Es geht um
Deine Enkelin.“
„Nein, Du weisst gar nichts“, fauchte Jurij und nahm den Umschlag wieder an
sich. Er erhob sich von seinem Sessel, der sich dafür mit einem entlastenden,
ja schon beinahe erlösenden Knarren bedankte. Stehend wirkte Jurij nicht
unbedingt grösser, aber seine Wampe kam nun noch besser zur Geltung, da sie
nicht mehr hinter dem Schreibtisch eingeklemmt war. Er hielt den Umschlag in
die Höhe, direkt neben seinen Kopf, sodass Anastasia ihn gut sehen konnte.
„Isabella ist quasi das letzte bisschen Familie, das ich noch habe.“ Die Falten
auf seiner Stirn wurden noch tiefer, als er überlegte, ob er sich bei seiner
letzten Aussage wirklich an die Wahrheit gehalten hatte. „Nun ja, nicht ganz“,
korrigierte er sich selbst. Er dachte an seine andere Tochter – nicht Isabellas
Mutter, die er vor Jahren hatte beseitigen lassen, um grösseres Unheil zu
vermeiden, sondern jene, die etwas durchgeknallt war und ihm bestimmt keine
Enkelkinder schenken würde; zumindest nicht solche, die er in seiner Nähe haben
wollte. „Aber sie ist meine Zukunft.“
Er knallte den Umschlag auf den Tisch, sodass er direkt vor Anastasia lag.
Diese sah ihn fragend an und zögerte, ob sie nun danach greifen sollte oder
nicht. Sie entschied sich jedoch, noch einen Moment zu warten und liess ihr
Gesäss wieder auf die gepolsterte Sitzfläche nieder. Sie wollte den Unternehmer
zuerst ausreden lassen. Offenbar lag ihm das ganze wirklich am Herzen. Dies
überraschte sie, da sie bei Jurij zuvor noch nie so etwas wie ein schlagendes,
lebendes Herz wahrgenommen hatte.
„Du wirst von mir keine anderen Aufträge erhalten, damit Du Dich voll auf das
hier konzentrieren kannst.“ Er deutete mit der Zigarre auf den Umschlag, der
noch immer unberührt und geheimnisgeschwängert da lag.

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„In der Welt der bewegten Bilder“ (Ausschnitt)

Seit dem Alter von dreizehn Jahren hatte Isabella vieles nicht mitbekommen –
ganz einfach weil sie zu sehr von der Aussenwelt abgeschirmt worden war. Der
Privatlehrer und auch Ingrids Lehrblöcke konnten ihr zwar sachliches Wissen
vermitteln – aber die sozialen Kontakte musste sie in der zweidimensionalen
Welt durch andere leben. Sie schlüpfte in andere Teenager, Mütter, Väter,
Handwerker, Kriegsveteranen, Brautpaare, Selbstmordgefährdete, Politiker,
Killer, Sportler – ja sogar in Ausserirdische, um das Leben hier auf dem Blauen
Planeten besser verstehen zu können. Manchmal erfolgreich, oft wurden dadurch
aber noch mehr Fragen aufgeworfen, für die sie eine Antwort suchen wollte.
Wikipedia und Google halfen ihr dabei, was die rationale Sichtweise betraf –
die emotionale Seite musste sie sich weitestgehend selbständig erarbeiten.
Internetforen halfen ihr dabei nur bedingt. Sie hatte schnell gemerkt, dass
beim virtuellen Austausch von Gedankengut eine wichtige Ebene fehlte: Sie
spürte das Gegenüber nicht wirklich, weil sie den Gesprächspartnern nicht in
die Augen blicken konnte. Aus diesem Grund zog sie es vor, in Menschen oder
Rollen hineinzufühlen, die sie sehen, dafür aber nicht mit ihnen sprechen
konnte.
Schwarzweissfilme mochte sie jedoch nicht. Die fehlende Farbe wirkte beklemmend
auf sie. Einige Male hatte sie versucht, sich die Streifen farbig vorzustellen
– aber dadurch verpasste sie zuviel vom Inhalt und der Aussage der Filme.
In vorabendlichen Fernsehserien lebte sie einen Alltag, der nicht der ihre war,
ihr aber das Gefühl geben konnte, ganz normal zur Gesellschaft zu gehören. Der
gesellschaftliche Teil ihres Lebens war somit in einzelne, uhrzeit- und
wochentagabhängige Blöcke unterteilt. Isabella führte quasi ein Schichtleben –
und die Knopfdrücke auf der Fernbedienung waren wie das Einführen ihrer Karte
in die Stempeluhr.
Dies kam ihr keinesfalls trostlos vor. Es war zu ihrer Wirklichkeit geworden.
Eine Wirklichkeit, in der sie immer mehr in anderen Menschen lebte. Die
Fremdwahrnehmung wurde stärker, dafür litt die Selbstwahrnehmung.
Isabella betrachtete das Leben eines Menschen als eine Art Gebäude. Stockwerk
um Stockwerk musste gebaut und anschliessend mit Erfahrungen gefüllt werden.
Diese Erfahrungen konnten Erinnerungen, Gegenstände oder Menschen sein. Manche
Menschen schienen ein Leben wie ein Hochhaus zu haben. Aber ihr eigenes
‚Gebäude des Lebens‘ sah aus wie das halbfertige, verwahrloste Netz einer Spinne,
die das Pech – oder das Glück – hatte, sich auf einer Marihuana-Pflanze
niedergelassen zu haben. Der Appetit der Spinne war durch ihr THC-reiches
Umfeld verstärkt worden, gleichzeitig liessen aber ihr Ordnungssinn und ihre
Anstrengungen nach – bis schliesslich die Trägheit noch grösser wurde als der
Hunger und sie infolge eines fehlenden Netzes, für dessen Bau sie zu faul war,
und einer zunehmenden Unbeweglichkeit schliesslich verendete.
Bei Isabella durfte die unfreiwillige Trägheit infolge des Eingesperrtseins
aber keinesfalls grösser werden als der Hunger, die Sehnsucht nach einer
zweiten Chance, mit ihrem Vater in Freiheit leben zu können.
Da sie sich alle Arten von Filmen ansah, kreuzten auf der Mattscheibe immer
wieder Sexualverbrechen ihren Weg – was sie zum Schluss führte, dass Sex nichts
Gutes sein konnte. Wenn dadurch animalische Triebe heraufbeschworen wurden, die
die Menschen ausser Kontrolle geraten und jedes Empfinden von Recht und
Unrecht, Mitgefühl und Respekt verschwinden liessen, tat sie die vermeintlich
romantischen Sexszenen in gefühlvolleren Filmen als geschminkte Unwahrheit der
Filmindustrie ab.

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